In Trommelgewittern

Von Jan Küveler
Veröffentlicht am 24.02.2010Lesedauer: 3 Minuten

Die "Woodentops" spielen Seemanns-Shanty auf Ecstasy

Sang- und klanglos verebbt sind die 90er-Jahre, jedenfalls soweit es die Engländer von "Woodentops" betrifft, die am Montagabend im Mousonturm spielten: vielleicht ein erster Identifikationspunkt.

Denn was soll man ansonsten von einer Band halten, die sich damit brüstet, dass sie mit "Tainted World" mal einen Hit bei dem New Yorker Radiosender Kiss FM NYC hatte, weil der DJ Tony Humphries es nach Bandaussage "gnadenlos" rauf- und runternudelte? 1983 in Südlondon gegründet, avancierten sie schnell zu den Lieblingen von Galeristen, Arthouse-Kino-Betreibern, anderen Bands wie den "Smiths" - nur das große Publikum erreichten sie nie, es sei denn, es konnte nicht weg, wie Ende der 80er beim Riesenfestival in Glastonbury. Da ließ sie mal jemand, dem vielleicht John Peel - der wohl berühmteste DJ der Welt und brennender Fan der Woodentops - was geflüstert hatte, die Hauptbühne erklimmen.

Auf der durchaus kleineren des Mousonturm kamen die fünf Woodentops erst ziemlich spät an, in Jahren und Minuten gerechnet. In Jahren, weil kaum einer der vielleicht 200 Konzertbesucher mit ihrer Auferstehung aus dem 90er-Loch gerechnet hätte. Und in Minuten, weil es locker bis nach 22 Uhr dauerte, bis das Stroboskoplicht zu flackern begann, das ihren heftig-hektischen Sound so gut untermalt. Vorher gab es - wie es ein Kritiker kürzlich kaum wagte auszusprechen - "Fuck-Blues".

Bei "The Brute Chorus", also beim Brachialchor, klangen auch die Gitarren nach Bässen. Das lag wohl daran, dass das zerzauste Männlein, das sie bediente, mehr kloppte denn zupfte. Das erklärt noch nicht den "Fuck"-Aspekt, den der Kollege zu erkennen meinte. Der erschließt sich aber sofort, wenn man Gesang und Gehampel des Nick-Cave-Wiedergänger-Sängers James Steel studiert. (Mit gleichem Recht könnte man ihn für den missratenen Bruder von Danel Day-Lewis aus "There Will Be Blood" halten, und der war schon missraten genug.) Jemand hat mal den "Ich-vögel-Dich-Sexappeal", der Mick Jagger eigen sei, mit dem schläfrigeren "Vögel-mich-doch-Sexappeal" von Brad Pitt verglichen. In etwa so verhält sich der irokesenschnittige Derwisch Steel, wie er da über die Bühne tanzte, sagen wir zu Kate Moss' Exfreund und Schlafzimmerblickmusikant Peter Doherty. "The Brute Chorus" hatten so viel Power, dass man sich nach 40 Minuten auch gar nicht mehr vorstellen konnte, wie es weitergehen sollte. Auftritt Woodentops.

Die klangen im Vergleich richtig süßlich, was wohl eher an Rolo McGintys Dauergeschrammel an der Halbakustischen lag als an den Trommelgewittern, die Drummer Paul Ashby von der ersten Minute an in den Saal feuerte. Dessen rotblonde Locken wippten schlohweiß im Strobskopblitzen. McGinty im rot-schwarzen Ringelpullover nuschelte, man hätte sein bestes Konzert "ever" in der Batschkapp gespielt. Und stimmte die 85-er-Single "Well Well Well" an. Das klang wie Seemanns-Shanty auf Ecstasy, also nach "The Clash". Simon Mawby an der Sologitarre war eine Wucht, ob er technoide Läufe dudelte oder Neil-Young-eskes Feedbackgekrache losließ. Ein circa 60-jähriger Steve-Jobs-Doppelgänger in der ersten Reihe hörte anderthalb Stunden nicht auf zu tanzen.


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