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OST-FERNSEHEN IM WENDEFIEBER UND EINHEITSSOG Der Ph�nix musste zur�ck in die Asche
Lebens-Wende 1989-2004
In mehreren Schichten lag im Herbst 1989 die Asche der Bevormundung auf den Programmen des DDR-Fernsehens (DDR-F) in Berlin-Adlershof. Nach einem H�henflug des Deutschen Fernsehfunks (DFF/*) w�hrend der sp�ten f�nfziger Jahre, als fast alle Sendungen live ausgestrahlt werden mussten und zentralistisch nicht zu kontrollieren waren, hatte sich ab 1962/63 eine dichte Ascheschicht �ber die Arbeit des DFF gelegt. In den achtziger Jahren gingen die Eingriffe durch das SED-Zentralkomitee schlie�lich soweit, dass Sendevorhaben, die als besonders wichtig galten, unter "Parteikontrolle" standen. Beitr�ge des zeitkritischen Magazins PRISMA fielen oft in letzter Minute der Zensur zum Opfer. Um die Aufsicht l�ckenlos aus�ben zu k�nnen, wurde im Juni 1984 eine spezielle SED-Kreisleitung innerhalb des DDR-Fernsehens gebildet, die dem Sekretariat des SED-Zentralkomitees direkt unterstellt war. Bis zum Ende seines Wirkens behielt es sich das f�r die Medien zust�ndige Politb�ro-Mitglied Joachim Herrmann vor, die Beitr�ge der Nachrichtensendung Aktuelle Kamera, deren Abfolge und selbst die Texte zu redigieren.
Diese Praxis �berdauerte die �ffnung des "Eisernen Vorhangs" am 27. Juni 1989 an der ungarisch-�sterreichischen Grenze, auch noch den 3. Oktober, als ein Sonderzug mit ausreisewilligen DDR-B�rgern aus der Prager BRD-Botschaft durch Sachsen rollte. Ein Reporterteam des DDR-Fernsehens hielt die harte Konfrontation zwischen der Volkspolizei und ebenfalls ihre Ausreise fordernden B�rgern am Dresdener Hauptbahnhof mit der Kamera fest - doch die Leitung in Adlershof entschied: das Bildmaterial wird nicht ausgestrahlt. Kurz darauf endete der 40. Jahrestag der DDR im Zentrum Berlins mit heftigen Attacken technisch hochger�steter Sicherheitskr�fte gegen Demonstrierende, die mit dem Ruf auf der Stra�e waren: "Wir sind das Volk!" Die Aktuelle Kamera durfte auch dar�ber nicht informieren. Erst �ber den friedlichen Verlauf der bis dahin gr��ten Leipziger Montagsdemonstration am 9. Oktober wurde am folgenden Tag ein knapper Bericht ausgestrahlt. Den wirklichen Ausbruch der DDR-Medien aus der Enge von Dogmen und Demut erm�glichte jedoch erst der 18. Oktober, als auf einer Tagung des SED-Zentralkomitees Erich Honecker, G�nter Mittag und Joachim Herrmann zur�cktreten mussten.
Als ob eine Bleilast von einem �berhitzten Druckkessel genommen worden w�re, explodierte danach die journalistische Tatkraft. Innerhalb weniger Wochen verwandelte sich die Aktuelle Kamera von einem Instrument der Hofberichterstattung zu einer brisanten Nachrichtensendung mit einer Einschaltquote von mehr als 40 Prozent. Viele publizistische Formate des DDR-F wie das erst im September gestartete Jugendmagazin ELF99 fanden zu einem investigativen Journalismus, der mehrheitlich auf ein brennendes Interesse der Zuschauer stie� und in gelegentlich voyeuristischer Manier mit �berkommenen Tabus brach. ELF99-Reporter "ermittelten", was sich hinter bisher streng abgeschirmten Orten verbarg - von der Urlaubsinsel Vilm in der Ostsee bis zur "Waldsiedlung" der SED-Prominenz in Wandlitz.
Die wiedergewonnene Freiheit, in Live-Sendungen mit den Zuschauern in einen offenen Dialog zu treten, l�ste bereits am 19. Oktober - 24 Stunden nach der Demission Erich Honeckers - eine Flut von Telefonanrufen aus. 50.000 Anrufer an einem Fernsehabend schienen ein Indiz daf�r, dass der Damm der Entfremdung zwischen Ost-Fernsehen und Bev�lkerung zu brechen begann. Am Vorabend der von Berliner K�nstlern organisierten Demonstration f�r Presse- und Meinungsfreiheit am 4. November bat die SED-Kreisleitung des Fernsehens die Zuschauer und die vom Dirigismus betroffenen Mitarbeiter des Senders um Entschuldigung. Als die Abschlusskundgebung auf dem Alexanderplatz vollst�ndig und live via DDR-F �bertragen wurde, hatte die "Medien-Wende" eine Eigendynamik erreicht, die sich nicht mehr aufhalten lie�. Kurz danach trat der ansonsten ausgesprochen krisenresistente Fernsehchef Heinz Adameck samt der ihn flankierenden SED-Kreisleitung Fernsehen zur�ck - die Asche der Bevormundung schien vorerst verflogen.
Hans Bentzien - cleverer Werbevertrag mit der Pariser Firma IP
Der am 1. Dezember 1989 als neuer Generalintendant berufene, zuvor oft zur�ckgesetzte Ex-Kulturminister Hans Bentzien sah - besonders nach dem Mauerfall - seine Mission vorzugsweise darin, das DDR-Fernsehen aus einem staatlichen Institut in eine �ffentlich-rechtliche Anstalt in einer mutma�lich fr�her oder sp�ter gesamtdeutschen Medienlandschaft zu �berf�hren. In den K�nstlerverb�nden der DDR hatten sich derweil Reformer soweit durchgesetzt, dass sie als Reaktion auf eine zunehmend der D-Mark nachjagenden Entwicklung den "Schutzverbund K�nstler der DDR" gr�ndeten. Der dr�ngte darauf, in die im April 1990 beginnenden Verhandlungen zum ersten Staatsvertrag �ber eine Wirtschafts-, W�hrungs- und Sozialunion unbedingt das Thema "Kulturunion" einzubeziehen. Auch viele Fernsehautoren im Westen sahen darin eine Chance. Sie forderten ihre DDR-Kollegen auf, bei den laufenden Verhandlungen das als vorbildlich empfundene Urhebervertragsrecht der DDR in einem neuen gesamtdeutschen Rechtssystem zu verankern.
Anfang Februar 1990 hatte die DDR-Volkskammer in ihrem "Medienbeschluss" den Status von Funk und Fernsehen als "unabh�ngige �ffentliche Einrichtungen" definiert und einen Medienkontrollrat gefordert. Acht Tage sp�ter unterzeichnete Generalintendant Bentzien in Wien den Vertrag �ber die Teilnahme des DDR-F am 3sat-Satellitenprogramm. Kurz darauf nahm der Sender wieder seinen altbew�hrten Namen "Deutscher Fernsehfunk" an und startete neue Sendungen wie das Kabarettprogramm Der Scharfe Kanal oder die Reihe Nachdenken �ber Deutschland mit Prominenten aus Ost und West. Au�erdem bot der Kanal dem renommierten Gespr�chsportr�t Zur Person mit G�nter Gaus ein neues Domizil.
Als nach der Volkskammerwahl vom 18. M�rz 1990 in der Regierungserkl�rung des neuen Ministerpr�sidenten Lothar de Maizi�re (CDU) von einem l�ngeren Weg zur deutschen Einheit die Rede war, hielt es Hans Bentzien f�r logisch, dass der DFF als �ffentlich-rechtliche Anstalt mit einem dritten, bundesweit zu empfangenden Vollprogramm diesen Weg begleiten w�rde. Der DFF- Generalintendant hatte allerdings bei der CDU- und SPD-Ost f�r erheblichen Unmut gesorgt, als er Ende M�rz 1990 nicht mit den bei ARD und ZDF t�tigen Werbeunternehmen, sondern mit der Pariser Firma IP (Information et Publicit�) einen bis Ende 1991 laufenden Werbevertrag abschloss.
W�hrend der Medienkontrollrat das vom DFF entworfene Statut beriet und der DGB-Kongress in Hamburg ebenso f�r den Erhalt des DFF votierte wie bei einer INFAS-Umfrage 88,1 Prozent der Noch-DDR-B�rger, wurde Bentzien zum 31. Mai 1990 j�h abberufen. Da im Kabinett de Maizi�re der Medienminister Gottfried M�ller der CDU und dessen Staatssekret�r Becker der SPD angeh�rten, sollte dem Druck der FDP folgend das ehemalige Mitglied der DDR-Blockpartei NDPD (**), Gero Hammer, Generalintendant f�r Funk und Fernsehen werden - doch legte der Medienkontrollrat sein Veto ein, so dass M�ller den abberufenen Bentzien schlie�lich bitten musste, die Amtsgesch�fte solange zu f�hren, bis eine andere Personall�sung gefunden sei.
Parallel dazu arbeitete seit Mai 1990 eine Gesetzgebungskommission aus Fachleuten an der Formulierung eines "Rundfunk�berleitungsgesetzes", das Fernsehen und H�rfunk der DDR die Konversion in einen �ffentlich-rechtlichen Status erm�glichen sollte. Anfang Juli sickerte dank einer gezielten Indiskretion durch, die CDU-Ost wolle ausscheren und plane, einen eigenen Entwurf in die Volkskammer einzubringen. Als ein Vertreter der d�pierten Kommission daraufhin meinte, die SPD-Fraktion warnen zu m�ssen, wurde ihm im Auftrag Wolfgang Thierses mitgeteilt, Grund zur Sorge gebe es nicht, man habe gleichfalls einen eigenen Gesetzesentwurf in der Schublade. Kein Wunder, dass der Kreis engagierter Fachleute �ber eine nur vorget�uschte Demokratie frustriert war.
Gleichfalls im Mai 1990 hatte der Bundesfachausschuss Medienpolitik der CDU-West unter Bernd Neumann Konturen einer gesamtdeutschen Medienlandschaft entworfen und den DFF als "Altlast des SED-Regimes" bezeichnet, die es zu entsorgen gelte. Dabei war auch von Belang, dass im Falle einer Liquidation der Anstalt in Adlershof Liegenschaften des DFF im Wert von 1,5 Milliarden D-Mark zu �bernehmen waren, und die Rundfunkgeb�hren der DDR-B�rger weitere 1,5 Milliarden D-Mark erwarten lie�en, die nicht l�nger als n�tig mit dem ungeliebten Ostfernsehen geteilt werden sollten.
Rudolf M�hlfenzl - zart mit den Blumen im eigenen Garten
Der noch von Hans Bentzien als Intendant des 1. DFF-Programms eingesetzte Kameramann Michael Albrecht sah sich im Juli 1990 - unter dem Eindruck der �berfallartig beschleunigten Vereinigung - von Medienminister M�ller mit der Verantwortung f�r den gesamten Sender betraut. Nach einer ersten K�ndigungswelle Ende 1989 hatte er nun eine zweite zu verordnen. Das Personal wurde von rund 7.000 Mitarbeitern auf 4.700 reduziert. Intendanz und Personalrat erarbeiteten Vorschl�ge f�r einen neuen Programmauftrag, doch alle Hoffnungen, wenigstens Teile des DFF als Dienstleistungsbetrieb zu erhalten, wurden durch ein Generalverdikt Helmut Kohls zunichte gemacht. Die Regierung de Maizi�re unterwarf sich dessen Willen zur Zerschlagung von H�rfunk und Fernsehen der DDR, wie es schlie�lich dem Artikel 36 des Einigungsvertrages zu entnehmen war. Dass der Deutsche Fernsehfunk in Berlin-Adlershof die untergegangene DDR dennoch um 15 Monate �berlebte, war kein Geschenk an die Belegschaft, sondern dem erw�hnten Werbevertrag mit IP Paris zu verdanken. Dessen Laufzeit (bis 31. Dezember 1991) vorfristig zu beenden, h�tte eine Konventionalstrafe von bis zu 250 Millionen D-Mark heraufbeschworen.
Eine letzte Chance, diese Galgenfrist zu Gunsten hocheffektiver Produktionsbereiche wie Kinderfernsehen, Unterhaltung, Publizistik und Fernsehdramatik zu nutzen, h�tte im September 1990 in der Wahl eines weitblickenden Rundfunkbeauftragten durch die kurz vor ihrer Selbstaufl�sung stehende Volkskammer bestanden, doch gerade dieser Teil des Artikels 36 erwies sich als Schim�re. Kanzler Kohl hatte l�ngst seine Wahl getroffen, und so bestimmten unmittelbar nach dem 3. Oktober 1990 so genannte "Beauftragte der neuen Bundesl�nder" als Exekutor den rabiaten Bayern Rudolf M�hlfenzl (CSU) zum Rundfunkbeauftragten, dem der Ruf vorausging, zart gehe dieser Mann nur mit den Blumen in seinem Garten um. Mit sichtbarer Genugtuung stie� M�hlfenzl den DFF in die Asche staatlicher Bevormundung zur�ck. Seine Erlass-Demokratie per Dienstanweisung ist schnell bilanziert: Anfang Dezember 1990 �bergab er dem ZDF eine urspr�nglich f�r DFF-Regionalprogramme reservierte Sendefrequenz im Osten. Ab 15. Dezember 1990 folgte die ARD und belegte mit ihrem Gesamtprogramm die Sendeschiene, die bis dahin dem 1. Programm des DFF vorbehalten war. Nur auf den schw�cheren UHF-Sendern des vom DFF ausgestrahlten 2. Programms durfte noch bis zum 31. Dezember 1991 die sogenannte "DFF-L�nderkette" die Endlichkeit ihres Daseins auskosten. Dann gingen auf diesen letzten DFF-Frequenzen die neuen ARD-Anstalten MDR und ORB auf Sendung - am 31. Dezember 1991 erloschen in Adlershof f�r immer die Lichter. Nach 39 Jahren und zehn Tagen war auch das Ostfernsehen nur noch eine "Fu�note der Geschichte".
(*) Offizieller Sendestart der zun�chst als Fernsehzentrum Berlin, sp�ter als Deutscher Fernsehfunk firmierenden DDR-Fernsehanstalt war am 21. Dezember 1952.
(**) Nationaldemokratische Partei Deutschlands
Der Autor arbeitet als Dramaturg und Schriftsteller, von ihm sind u.a. erschienen: Blaues Wunder aus Adlershof, Das Neue Berlin 2000 / Gelobt sei, was hart macht, Nora-Verlag Berlin 2002, s. www.archiv-muencheberg.de
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