Colnaghi (Kunsthandlung)

Colnaghi (historischer Firmenname P. & D. Colnaghi & Co.) ist eine Kunsthandlung mit Sitz im Londoner Stadtteil St. James’s, die als älteste kontinuierlich bestehende kommerzielle Kunstgalerie der Welt gilt. Das Unternehmen wurde 1760 gegründet und ist heute mit weiteren Standorten in New York und Madrid tätig. Die Galerie hat sich auf Gemälde alter Meister, antike Kunst sowie Meisterzeichnungen spezialisiert.[1][2]
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Ursprünge des Unternehmens reichen bis ins Paris des Jahres 1760 zurück. Damals eröffnete der italienische Feuerwerkshersteller und Drucker Giovanni Battista Torre ein Geschäft namens „Cabinet de Physique Expérimentale“. Dort wurden wissenschaftliche Instrumente, Bücher und Druckgrafiken angeboten. 1767 zog Torres Sohn Anthony nach London und gründete gemeinsam mit dem ebenfalls aus Italien stammenden Anthony Molteno eine Niederlassung, die sich auf den Verkauf von Druckgrafiken spezialisierte. Nach dem Tod Giovanni Battista Torres im Jahr 1780 beauftragte Anthony Torre Paul Colnaghi, der kurz zuvor aus Mailand nach Paris gekommen war, im Jahr 1784 mit der Leitung eines neuen Ladens im Palais-Royal. Colnaghi wurde 1751 als Paolo Colnago in der norditalienischen Brianza geboren. Er war das jüngere Kind des Mailänder Juristen Martino Colnago und dessen Frau Ippolita Raggi. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1783 arbeitete er zunächst für einen Mailänder Optiker namens Ciceri, der ihn schließlich Anthony Torre empfahl.[3]
Von 1784 bis 1787 fungierte Colnaghi als Pariser Agent Torres und vertrieb vor allem Druckgrafiken aus England. Bereits im Mai 1785 übersiedelte er nach London und schloss sich dort Torre und Molteno an, die erfolgreich Druckgrafiken bedeutender Kupferstecher wie William Wynne Ryland und Valentine Green verkauften. 1786 zog das Londoner Geschäft in die 132 Pall Mall um. In dieser Zeit heiratete Paul Colnaghi Elizabeth Baker, die Schwägerin Anthony Torres. Nachdem Anthony Torre 1788 nach Italien zurückgekehrt war und Molteno die Leitung übernahm, firmierte das Unternehmen als Molteno, Colnaghi & Co.[3]

In den folgenden Jahrzehnten führte Paul Colnaghi das Unternehmen mit wechselnden Partnern weiter und konzentrierte sich auf den Verkauf neuer Drucke sowie Stiche nach Gemälden alter Meister. Er wurde offizieller Druckhändler des Prinzenregenten und betreute Teile der königlichen Sammlung. Nach dessen Thronbesteigung als Georg IV. erhielt er einen Royal Warrant. Zudem war er Grafikhändler für Charlotte, Princess Royal, die spätere Königin von Württemberg. In dieser Zeit veranstaltete die Firma regelmäßige Empfänge für ihre adelige und bürgerliche Kundschaft.[3]
Das Unternehmen pflegte Beziehungen zu zahlreichen Künstlern seiner Zeit. So unterstützte Colnaghi beispielsweise John Constable im Jahr 1824 dabei, das Gemälde The Hay Wain im Pariser Salon zu präsentieren, wo es eine Goldmedaille erhielt. 1829 organisierte die Galerie außerdem eine Ausstellung von Werken Eugène Delacroix’.[3]
Familienunternehmen im 19. Jahrhundert
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Paul Colnaghis älterer Sohn Dominic Charles Colnaghi (1790–1879) trat um 1810 als Teilhaber in das Unternehmen ein, sein jüngerer Sohn Martin Colnaghi folgte später. Als der Firmengründer sich aus dem Geschäftsleben zurückziehen wollte, kam es im Jahr 1824 zu einem Rechtsstreit zwischen Martin, seinem Vater und seinem Bruder Dominic. Im Rahmen eines Vergleichs verblieb Martin der ursprüngliche Laden in der Pall Mall. Martin wurde 1832 und erneut 1843 zahlungsunfähig, starb 1851 und sein Sohn Martin Henry Colnaghi führte das abgespaltene Geschäft weiter.[3]

Paul Colnaghi starb am 26. August 1833 in seiner Wohnung am St. George’s Place, Hanover Square, in London. Dominic Colnaghi führte das Unternehmen gemeinsam mit seinem Cousin John Anthony Scott fort, der 1839 in die Firma eintrat. Dieser entsandte im Jahr 1854 den Künstler William Simpson auf die Krim, um Aquarelle der Kriegsschauplätze anzufertigen. Diese wurden anschließend als Serie von 81 Lithografien unter dem Titel The Seat of War in the East veröffentlicht. Die Galerie vertrieb außerdem Fotografien von Roger Fenton und gehörte zu den ersten Kunsthandlungen, die das neue Medium der Fotografie als eigenständige Kunstform behandelten. Im Jahr 1863 veranstaltete sie einen Verkauf von Fotografien Julia Margaret Camerons. Nach Scotts Tod im Jahr 1864 und dem Rücktritt Dominic Colnaghis im Jahr 1865 wurde Scotts Cousin Andrew McKay alleiniger Inhaber. Colnaghi, genannt „Old Dom“, starb am 19. Dezember 1865 und wurde auf dem Brompton Cemetery in London beigesetzt.[3]
Transformation zum Händler von Gemälden alter Meister
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Als Andrew McKay im Jahr 1894 zurücktrat, übernahmen sein Sohn William McKay, Edmund Deprez und Otto Gutekunst (1865–1947) gemeinsam die Leitung des Unternehmens. Gutekunst war der Sohn von Heinrich Gottlob Gutekunst, der in den 1860er Jahren die Londoner Niederlassung des Pariser Kunsthändlers Goupil & Cie geleitet hatte. Unter dieser neuen Partnerschaft wandelte sich Colnaghi von einem auf Grafiken spezialisierten Händler zu einem der führenden Händler für Gemälde alter Meister. Diese Entwicklung wurde durch mehrere Faktoren begünstigt: den Settled Land Act von 1882, der die Auflösung gebundener Adelsgüter erleichterte, die Einführung der britischen Erbschaftssteuer im Jahr 1894 sowie die wachsende Nachfrage amerikanischer Sammler nach europäischen Meisterwerken. Unter Gutekunst entwickelte sich Colnaghi zu einem der bedeutendsten Händler für Alte Meister des sogenannten Gilded Age.[3]
Zu den wichtigen Verkäufen dieser Zeit gehörten 1894 Sandro Botticellis Geschichte der Lucretia und 1896 Tizians Raub der Europa, das für 20.000 Pfund von Isabella Stewart Gardner erworben wurde. Im selben Jahrzehnt vermittelte Colnaghi in Zusammenarbeit mit Max Jakob Friedländer und Wilhelm von Bode bedeutende Werke von Rembrandt und Jan Vermeer an die Berliner Gemäldegalerie, darunter Vermeers Das Glas Wein und Rembrandts Prediger Anslo und seine Frau.[3]
Internationale Expansion und amerikanische Sammler
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Im Jahr 1909 erwarb die National Gallery in London Hans Holbeins Bildnis der Christina von Dänemark, Herzogin von Mailand, für 61.000 Pfund von Henry Fitzalan-Howard, dem 15. Duke of Norfolk. Ursprünglich war das Gemälde dem amerikanischen Sammler Henry Clay Frick angeboten worden. Nach einer öffentlichen Kampagne des National Art Collections Fund gelangte es jedoch in die National Gallery in London.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verlagerte sich der Schwerpunkt des Unternehmens zunehmend in Richtung der Vereinigten Staaten. Durch Vermittlung des Kunsthistorikers Bernard Berenson verkaufte Colnaghi rund dreißig Werke an Isabella Stewart Gardner. Zudem bestand eine enge Zusammenarbeit mit der New Yorker Knoedler Gallery, über die Werke an Sammler wie Henry Clay Frick, Peter Widener und Andrew W. Mellon gelangten und damit zentrale Bestände amerikanischer Museen begründeten.[4] Den Höhepunkt dieser Phase bildete die Beteiligung an den sogenannten Hermitage-Verkäufen der Jahre 1930 und 1931. Die sowjetische Regierung veräußerte damals heimlich bedeutende Werke aus der kaiserlichen Sammlung der Eremitage in Leningrad, um Devisen zu beschaffen. Ein Konsortium aus Colnaghi (London), Knoedler & Co. (New York) und die Matthiesen Gallery (Berlin) erwarben 21 Gemälde, die allesamt von Andrew Mellon gekauft wurden. Zu ihnen zählen Jan van Eycks Verkündigung, Raffaels Alba Madonna sowie Werke von Botticelli, Anthonis van Dyck, Rembrandt und Tizian. Mellon schenkte diese Sammlung im Jahr 1937 der US-Regierung. Sie bildete den Grundstock der National Gallery of Art in Washington, D.C.[3]
Entwicklung seit dem 20. Jahrhundert
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1912 wurde die Firma in P. & D. Colnaghi & Obach umbenannt, 1914 dann in P. & D. Colnaghi & Co. 1937 wurde das Unternehmen in eine Kapitalgesellschaft (Limited) umgewandelt. Zu den Direktoren zählten Otto Gutekunst, Gustavus Mayer und James Byam Shaw. 1940 zog die Galerie in die Old Bond Street. 1970 erwarb Jacob Rothschild (später Lord Rothschild) das Unternehmen und leitete ein Modernisierungs- und Expansionsprogramm ein, welches in den 1980er Jahren unter der Eigentümerschaft der Oetker-Gruppe fortgeführt wurde. 1983 eröffnete Colnaghi eine Niederlassung in New York und 1992 eine weitere in der Rue Saint-Honoré in Paris, unweit des ursprünglichen Pariser Standorts aus dem 18. Jahrhundert.[3]
Der Abschwung des Kunstmarktes Mitte der 1990er Jahre führte zur Schließung dieser Filialen. Im Jahr 2002 wurde das Unternehmen an den Münchner Kunsthändler Konrad O. Bernheimer verkauft. Er gehört der vierten Generation einer bedeutenden deutschen Kunsthändlerfamilie an. Kurz darauf trat die Zeichnungshändlerin Katrin Bellinger als Mitinhaberin und Leiterin der Zeichnungsabteilung hinzu. 2015 fusionierten Bernheimer und Bellinger mit den spanischen Kunsthändlern Jorge Coll und Nicolás Cortés von Coll & Cortés. 2016 bezog Colnaghi ein neu gestaltetes Galeriegebäude in der Bury Street im Londoner Stadtteil St. James’s. Im Jahr 2017 eröffnete die Galerie einen weiteren Standort in New York unter der Leitung von Carlos A. Picón, dem ehemaligen Kurator für griechische und römische Kunst am Metropolitan Museum of Art. Heute ist Jorge Coll Hauptgesellschafter und CEO des Unternehmens.[5]
Bedeutende Transaktionen
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Zu den bedeutendsten Transaktionen in der Geschichte der Galerie zählen:
- der Verkauf von Tizians Raub der Europa an Isabella Stewart Gardner (1896) für 20.000 Pfund[6]
- die Vermittlung von Hans Holbeins Bildnis der Christina von Dänemark an die National Gallery in London (1909)
- der Verkauf von Botticellis Geschichte der Lucretia (1894)
- die Beteiligung am Erwerb und Weiterverkauf von 21 Gemälden aus der Ermitage an Andrew W. Mellon(1930–1931), die zur Gründungssammlung der National Gallery of Art in Washington wurden
- der Erwerb bedeutender Druckgrafiken aus der Liechtensteinischen Sammlung nach dem Zweiten Weltkrieg, von denen viele an amerikanische Museen weiterverkauft wurden
- der Verkauf von Michelangelos Zeichnung Traum des menschlichen Lebens an das Courtauld Institute of Art
Im späten 20. Jahrhundert spielte Colnaghi außerdem eine wichtige Rolle bei der Wiederbelebung des Interesses an der italienischen Barockmalerei, unter anderem durch Museumsverkäufe wie Andrea Sacchis Hagar und Ismael an das National Museum of Wales und Guercinos Der heilige Lukas malt die Jungfrau an das Nelson-Atkins Museum of Art.
Kunstmessen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Colnaghi nimmt jährlich an einer Reihe internationaler Kunstmessen teil. Zu den regelmäßigen Teilnahmen zählen die TEFAF Maastricht, die jedes Jahr im März in den Niederlanden stattfindet und zu den weltweit wichtigsten Messen für Alte Meister und Antiquitäten gehört, sowie die BRAFA, die im Januar bzw. Februar in Brüssel ausgerichtet wird. Im Oktober ist die Galerie regelmäßig bei Frieze Masters im Londoner Regent’s Park vertreten, wo sie gemeinsam mit Elliott Fine Art auftritt. In New York beteiligt sich Colnaghi jährlich im Januar/Februar an den Master Drawings New York. Darüber hinaus nimmt die Galerie an der London Art Week teil, die zweimal jährlich, im Juni/Juli sowie im Dezember, stattfindet. Seit 2025 ist Colnaghi zudem bei der Feriarte in Madrid präsent. Die auf Zeichnungen spezialisierte Partnergesellschaft Colnaghi Elliott Master Drawings beteiligt sich außerdem an der Pariser Messe Trois Crayons.
Archiv
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Firmenarchiv von Colnaghi ist mit einer Länge von rund 69 Metern sehr umfangreich. Es umfasst Geschäftsbücher, Korrespondenzen, Ausstellungskataloge und Finanzunterlagen. Die Firmengeschichte reicht zwar bis ins 18. Jahrhundert zurück, doch die wichtigsten Korrespondenz- und Rechnungsbücher beginnen erst 1894 bzw. 1911. Bis 2013 wurde das Archiv überwiegend in einem Lager der Firma Momart im Osten Londons aufbewahrt. Seit 2014 befindet es sich auf dem Gelände von Waddesdon Manor in Buckinghamshire und ist dort unter dem Namen „Windmill Hill Archives“ zugänglich.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Jeremy Howard (Hrsg.): Colnaghi: Established 1760 – The History. London: Colnaghi, 2010.
- Dennis Farr: Colnaghi family. In: Oxford Dictionary of National Biography. Oxford University Press, Oxford 2004.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Website von Colnaghi
- Colnaghi, Old Masters Department
- Royal Academy of Arts, Colnaghi and Company
- The Art Newspaper, London gallery Colnaghi joins forces with Spanish dealers (30. Oktober 2015)
- Antiques Trade Gazette, Colnaghi News
- Isabella Stewart Gardner Museum, Purchasing a Masterpiece: Titian's Rape of Europa
- ARTES, Colnaghi merges with Coll & Cortés (November 2015)
- Italian Art Society, Titian's The Rape of Europa (Juni 2018)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Old Masters department | Colnaghi. Abgerufen am 7. März 2026.
- ↑ Drawings department | Colnaghi. Abgerufen am 8. März 2026.
- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Jeremy Howard (Hrsg.): Colnaghi: Established 1760 – The History. London 2010.
- ↑ Knoedler, Mellon, and an Unlikely Sale. Abgerufen am 7. März 2026 (englisch).
- ↑ M. Ellis: Colnaghi merges with ARTES sponsors Coll & Cortés. In: ARTES. 10. November 2015, abgerufen am 7. März 2026 (englisch).
- ↑ In June 1896, Isabella Stewart Gardner acquired Titian’s The Rape of Europa from Colnaghi & Co. for 20,000 pounds. – Italian Art Society. Abgerufen am 7. März 2026.